Der Semi-Cineast (Ein Definitionsansatz)
Dienstag, 20. Februar 2007, 16:56 Uhr
Abgelegt unter: Allgemein, Film und Fernsehen, Merkwürdigkeiten

Nun habe ich mich hier in der Vergangenheit schon einige Male als Semi-Cineasten bezeichnet. Googelt man nach diesem Begriff, hält sich die Trefferquote ziemlich in Grenzen. Grund genug, dass ich die Bezeichnung “Semi-Cineast” heute mal offiziell definiere oder es zumindest versuche – Das hat wohl, so wie es aussieht, bisher niemand getan. Die nachstehenden Punkte sind als grober Leitfaden und nicht als unumstößliche Gesetze zu verstehen. Jedem, der sich selbst als Semi-Cineasten bezeichnen möchte, steht es natürlich völlig frei, in einem oder mehreren Punkten von der Regel abzuweichen. Primär möchte ich eigentlich nur erklären, warum ich mich trotz meiner ausgesprochenen Filmsucht nicht als Cineasten bezeichnen würde.

01. Niveau & Bandbreite: Die Welt ist bunt! Der Semi-Cineast ist für (fast) alles offen. So ist er durchaus in der Lage, sich ernsthaft mit Filmen von Rainer Werner Fassbinder, Jean-Luc Godard oder Ingmar Bergman auseinander zu setzen, kann sich aber auf der anderen Seite auch genüsslich und ohne schlechtes Gewissen im Mainstream (z.B. Jerry Spuckeimer Produktionen) oder im Trash (z.B. Italo-Zombies) suhlen. Das Anschauen von Filmen dient dabei verschiedensten Zwecken und reicht von der puren Unterhaltung bis zur bewussten intellektuellen Auseinandersetzung mit Inhalten, Botschaften und Technik. Die Grenzen können dabei durchaus fließend sein. Der Semi-Cineast erhebt bei komplexeren Themen nicht unbedingt den Anspruch, wirklich alles zu verstehen, bemüht sich aber immerhin um eine zufriedenstellende Analyse des Gesehenen. Andererseits kann er zwar “No Brainer” mit Genuss anschauen, lässt sich aber beispielsweise mit Fäkalhumor oder expliziten Gewaltorgien nicht unbedingt unter ein bestimmtes Primitivitäts-Level (Stichwort: “Muuuuhahaha”) ziehen. Der Spagat über ein solch breites Spektrum stößt sowohl beim normalen als auch beim spezialisierten Kinogänger auf ein gewisses Unverständnis. Dem Mainstreamer ist man zu abgehoben und der wahre Cineast vermisst die Abgrenzung ‘nach unten’.

02. Kinobesuche: Nur im Kino ist Kino wirklich Kino! Der Semi-Cineast geht selbstverständlich ins Kino und weiß die Vorzüge der Präsentation eines Films auf großer Leinwand mit gutem Ton durchaus zu schätzen. Doch auch im Kino ist nicht alles Gold was glänzt: Bild- und Tonqualität sind leider eben doch nicht immer optimal und hohe Eintrittspreise und nervige Labertaschen im Publikum lassen so manchen Kinobesuch zur Tortur werden. So bringt der Semi-Cineast durchaus die Geduld auf, die DVD-Veröffentlichung eines aktuellen Streifens abzuwarten. Der Aufbau eines kleinen Heimkinos ist zwar keine Pflicht (schließlich ist das mit nicht unerheblichen Kosten verbunden), bringt aber den Filmgenuss daheim ein wenig näher an das Originalerlebnis heran.

03. Synchronisation: Babylon! Wer sich einen ausländischen Film im Originalton anschaut, erlangt damit die größtmögliche Nähe zum Werk. Nichts wird verfremdet, die Stimme des Darstellers ist ein hundertprozentiger Bestandteil seiner schaupielerischen Leistung. Eine Synchronisation kann immer nur eine Krücke sein, wobei die Qualität von Film zu Film stark variieren kann. Es gibt Streifen, die dermaßen schlecht synchronisiert sind, dass man sich lieber gleich die Originalfassung mit deutschen Untertiteln anschaut. Es ist leider so, dass viele Filme von schlechten Synchros regelrecht kaputt gemacht werden. Auf der anderen Seite gibt es durchaus gelungene Synchros, bei denen es kaum auffällt, dass man ja eigentlich nur Schauspielerei aus zweiter Hand konsumiert. Eine deutsche Synchronisation von Filmen sollte jedenfalls nicht grundsätzlich verdammt werden, denn immerhin ist nicht jeder Zuschauer des Englischen (bzw. jeder anderen Fremdsprache) soweit mächtig, dass er der Handlung eines Spielfilms in vollem Umfang folgen kann. Diesen Aspekt sollte man nicht aus den Augen verlieren, wenn man sich nicht der Ignoranz bezichtigen lassen möchte. Natürlich bieten die meisten DVD-Veröffentlichungen inzwischen die Möglichkeit, den Originalton mit deutschen Untertiteln wählen zu können. Aber auch hier darf man nicht vergessen, dass Untertitel ebenfalls nur eine Krücke darstellen. Denn auch beim “OmU” muss man Kompromisse eingehen: Der Zuschauer bekommt eine weitere Aktivität auf’s Auge gedrückt und muss zusätzlich zum Filmgenuss auch noch die ständig wechselnden Texttafeln lesen. Bei sehr dialoglastigen Filmen kann dies durchaus stressig werden und bei Filmen, die in ihren Einstellungen und Bildern sehr stark wirken, können die Texte das visuelle Erlebnis erheblich stören. Der Semi-Cineast sollte mit diesen verschiedenen Möglichkeiten offen umgehen und stets die für ihn optimale Präsentationsform wählen. Die Festlegung auf eine einzige Form ist nur etwas für unflexible Puristen.

04. cut/uncut: Eine Zensur findet nicht statt! Der Semi-Cineast sieht seine Filme, soweit es möglich ist, ungeschnitten. Beim Sammeln wird diese Regel noch einmal verschärft. Hierbei wird zwischen TV-Aufzeichnungen und Kauf-DVDs unterschieden: Ein geschnittener Film in der Sammlung ist entweder unschön (TV-Aufzeichnung) oder ein peinlicher Schandfleck (Kauf-DVD). Da, entgegen der landläufigen Meinung, nicht nur Horrorfilme verschnippelt werden, ist es umso wichtiger, sich vor jedem DVD-Kauf darüber zu informieren, welchen Silberling man sich letztendlich besorgen möchte. Findet man in heimischen Gefilden keine ungeschnittene Fassung seines Wunschkandidaten, hilft meist nur noch der Import. Der Semi-Cineast nutzt dabei entweder zollsichere Quellen oder bestellt, wenn alle Stricke reißen, mit einem gewissen Konfiszierungsrisiko (”Augen zu und durch”). Das Pochen auf Uncut-Fassungen hängt damit zusammen, dass der Semi-Cineast seine Filme so sehen möchte, wie sie ursprünglich vom Regisseur realisiert wurden. Zudem sollte man sich eine staatliche Zensur, die unter dem Deckmantel des Jugendschutzes daherkommt, nicht ohne weiteres gefallen lassen. Den Vorwurf der Gewaltgeilheit o.ä. kann der Semi-Cineast guten Gewissens und kalt lächelnd an sich abprallen lassen.

05. Filmfestivals & Auszeichnungen: Na, und!? Der Semi-Cineast kann Begriffe wie Oscar, Berlinale, Biennale usw. zwar irgendwie einordnen, allerdings gehen ihm solche Veranstaltungen ziemlich am Arsch vorbei. Meist beweihräuchert sich die Industrie dort doch nur selbst. Schauspieler, Regisseure und Produzenten laufen als lebende Kleiderständer mit einem Dauerlächeln von einem roten Teppich zum nächsten und überschütten sich gegenseitig mit Lobreden. Und wenn dann ein einzelner Film in den meisten Kategorien alle Preise einheimst, ist es doch eigentlich genau so, als wenn Bayern München schon wieder einmal Deutscher Meister wird – Laaaangweilig! Der Semi-Cineast macht sich nicht die Mühe, die Termine in Hollywood, Berlin, Venedig oder Cannes rot im Kalender anzustreichen und steht auch ganz sicherlich nicht mitten in der Nacht auf, um sich die Oscar-Verleihung anzuschauen. Kleinere (lokale) Festivals sind da schon eher interessant, da bei diesen das Publikum oftmals noch eine aktive Rolle spielt.

06. Sehverhalten: Benimm dich! (a) Der Semi-Cineast kann während der Vorstellung im Kino oder bei geselligen Filmabenden seinen Mund halten. Was kann es schlimmeres geben als irgendein Halbhirn, das einem mit seiner Quatscherei (am besten noch in ungedämpfter Lautstärke) einen Film kaputt labert. Im trauten Kreis daheim, kann man, je nach Niveau des Films und Zusammensetzung des Publikums, das Sprechverbot (Schweigegebot?) durchaus auch mal lockern – Im Kino sollte dieses ungeschriebene Gesetz für jeden eine selbst auferlegte Pflicht sein. (b) Toilettengänge im Kino sollten, wenn möglich, vermieden werden, um nichts zu verpassen. Mit einer Magen-Darm-Grippe ins Multiplex? Undenkbar! Wer zu Hause während eines laufenden Films unbedingt auf’s Klo rennen muss, drückt gefälligst die Pause-Taste! (c) Und wenn ein Film noch so schlecht ist: Er wird ohne Rücksicht auf Verluste von vorn bis hinten angeschaut! Nur so kann man sich wirklich ein Urteil über einen Streifen erlauben.

Das sollte zunächst einmal reichen… Ich glotz’ jetzt erstma’ ‘ne Runde Video!


4 Kommentare bisher
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Moin Moin

Das wäre doch ein Eintrag für wikipedia oder???

Gruß A. aus Leo

Kommentar von AndreasNo Gravatar GERMANY am 23.02.2007 um 11:29

Moin!

Naja, die Qualität eines Wiki-Eintrags hat der Text ja nun nicht unbedingt. Aber wer weiß? Vielleicht wird der Begriff Semi-Cineast irgendwann einmal offiziell.

Sag mal, könnte es sein, dass wir uns persönlich kennen? Ich meine ja nur: Der Name Andreas, der Standort Leo und deine IP lassen mich da die waghalsigsten Vermutungen anstellen. ;-)

Kommentar von SqualusNo Gravatar GERMANY am 23.02.2007 um 23:23

[...] Schön, dass Florian Henckel von Donnersmarck für seinen Film “Das Leben der Anderen” einen Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film bekommen hat. Zwar geht mir die Oscarverleihung, wie bereits an anderer Stelle beschrieben, ziemlich am Arsch vorbei, aber dem Regisseur und allen beteiligten Personen gönne ich Auszeichnung trotzdem von ganzem Herzen. Dem Ansehen des deutschen Films in der Welt hat die Sache ja nun auch nicht unbedingt geschadet. Als ich jedoch gestern bei “Spiegel Online” in der Kulturecke vorbeischaute, fiel mir glatt die Kinnlade gen Erdmittelpunkt. Wenn die Nachricht keine Ente ist (und davon gehe ich aus), plant Hollywood bereits ein US-Remake des deutschen Stasi-Dramas. Wow! Ersteinmal schlucken, tief Luft holen und dann ausrasten… [...]

Pingback von Squalus am 02.03.2007 um 18:27

[...] Mit meiner Minisammlung von DVDs kann ich mich Semicineasten wie Squalus natürlich nicht in den Weg stellen, ich bin aber vor kurzem auf einen Artikel in der ct gestoßen, der sich mit der Anlage von Datenbanken mithilfe der im Macbook intergrierten iSight-Kamera beschäftigt. [...]

Pingback von Ein Hauch von Ewigkeit - Langauer.net » DVDs archivieren mit DVDpedia GERMANY am 04.09.2008 um 12:17



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