Vom Suhlen im Blute
Sonntag, 1. Februar 2004, 22:07 Uhr
Abgelegt unter: Allgemein, Film und Fernsehen, Merkwürdigkeiten, Squalus classic

Alfred Hitchcock hat Leute wie mich als ‘Wahrscheinlichkeitskrämer’ bezeichnet. Das sind Menschen, die einen Film nicht zu 100% genießen können, da sie dessen Logik und Plausibilität ständig hinterfragen. Wagt es ein Regisseur also, eine bestimmte Situation für das Weiterkommen der Handlung hanebüchen zu konstruieren, kann es durchaus vorkommen, dass dem Wahrscheinlichkeitskrämer die Kinnlade gen Erdmittelpunkt fällt.

Mit Spezialeffekten und Stunts verhält es sich ähnlich. Man kann sie durchaus als Bestandteil der Handlung hinnehmen und genießen oder diese kaltblütig analysieren. So sah ich kürzlich ein indiziertes Splatterfilmchen, in dem einige Kehlen durchtrennt wurden, aber anstatt mich zu ekeln oder schockiert zu sein, amüsierte ich mich königlich über die technische Ausführung der Effekte. Dieses distanzierte Sehen von Filmen hat aber auch Vorteile. Ich kann bei irgendeinem Zombie-Streifen eine vollwertige Mahlzeit zu mir nehmen, während sich bei anderen Menschen bereits der nüchterne Magen nach außen stülpt. Und dabei bin ich nicht einmal verroht, sondern ich sehe solche Filme einfach nur aus einer anderen Perspektive.

Nun ist es so, dass viele Dinge, die dem Wahrscheinlichkeitskrämer in einem Film auffallen, dem normalen Zuschauer entgehen, da dieser vollkommen in der Handlung gefangen ist. Da ich ja eine ganz miese Type bin, werde ich euch heute mit einem ganz bestimmten Standard der Unlogik bekannt machen, damit ihr beim nächsten Anschauen eines entsprechenden Films an mich denken werdet. Die folgende Situation ist fiktiv, aber sie wird euch sicherlich bekannt vorkommen:

[...] Ein Mann mit einer Waffe in der Hand verfolgt eine andere Person durch einen Wald. Es hat zuvor einen Schusswechsel gegeben und der Flüchtende wurde dabei verletzt. Er hat einen Vorsprung, aber seine Verletzung bremst ihn aus. Er verliert Blut. Der Verfolger sieht einen Blutspritzer an einem Baum, geht darauf zu, taucht Zeige- und Mittelfinger in den Lebenssaft und reibt in kreisförmigen Bewegungen mit dem Daumen darüber, während er nachdenklich in die Ferne schaut.[...]

Klingt das irgendwie bekannt? Das ist ja wohl der Höhepunkt des Schwachsinns. Ok, Krabbelkinder fassen beim Entdecken der großen Welt auch alles an. Aber wie kommt ein erwachsener Mensch, der zudem auch noch eine Schusswaffe führen darf, auf die dämliche Idee, in der Körperflüssigkeit einer anderen Person herumzupatschen? Ist er vielleicht mit einer Rot-Grün-Blindheit gestraft und muss das Gesehene erst einmal einer haptischen Analyse unterziehen, bevor er die Verfolgung fortsetzen kann? Ist er vielleicht Blutfetischist (solche Leute gibt’s wirklich) und genießt einfach nur einen kurzen Augenblick der sexuellen Wunscherfüllung? Oder ist er einfach nur dämlich und muss zwanghaft das typische Hollywood-Ritual des ‘Innehaltens an der Blutspur’ zelebrieren? Ich tendiere wirklich zur letzten Möglichkeit.

Ich habe keine Ahnung, wer mit diesem Unfug angefangen hat, aber wenn man ihn einmal kritisch hinterfragt, dann bricht in einigen hundert (wenn nicht sogar tausend) Filmen ein kleines Stückchen Logik weg. Besonders ekelig wird es übrigens, wenn es sich um das Blut einer außerirdischen Lebensform oder eines sonstigen Monsters handelt. Dass die ‘Blutgrabscher’ die Finger nicht auch noch zum Mund führen, grenzt schon fast an ein Wunder. Gerade im Zeitalter von AIDS sollte man eigentlich einen etwas vorsichtigeren Umgang mit dem Blut anderer Leute propagieren. Wenn der Verfolger schon seine Finger nicht bei sich lassen kann, sollte er sich wenigstens mit Einweghandschuhen ausrüsten, um auf Nummer sicher zu gehen. Diese sind inzwischen in jedem Kfz-Verbandskasten vorgeschrieben. Wer also ungeschützt in Blutpfützen herumreibt, sollte künftig seinen Versicherungsschutz verlieren und Punkte in Flensburg bekommen.

Ich hoffe, dass ihr, wenn ihr demnächst eine ähnliche Szene in einem Film sehen werdet, ein wenig an mich denkt und euch der Rest des Films ordentlich vermiest wird, weil ihr ins Grübeln gekommen seid. Ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen.

Bis denne…

Squalus


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